Vom Entwerfen und Vollenden

Portrait von Clemens Theobert Schedler, Grafikdesigner, Büro für konkrete Gestaltung, Wien Foto Copyright by Johannes Puch    www.johannespuch.at

 

 

 

Wenn es vollendet ist, ist es erfüllt.
Zwischen den Zeilen – Interview mit Clemens Schedler

 

Ist eine Sache vollendet, wenn sie beendet ist? Oder erst dann, wenn sie vollkommen ist? Muss alles, sobald es vollkommen ist, unweigerlich enden? Sicher sind wir uns nur in einem: Vollenden ist mehr als enden. Es ist das Beenden mit dem richtigen Schliff, das Abrunden und Erfüllen. Das Vervollkommnen gehört zweifellos dazu – und im besten Fall sind am Ende nicht nur die Erwartungen erfüllt. Sondern auch wir selbst. Vollenden schenkt ein Gefühl der Erfüllung.

Einen wichtigen Bezugspunkt zum jeweiligen Schwerpunktthema der Montforter Zwischentöne stellt dessen grafische Gestaltung dar. Seit den ersten Zwischentönen wird jedes neue Thema von einem neuen Gestalterteam umgesetzt. Was dabei gleich bleibt: Das Logo, die Schrift und der Grundraster der Broschüre. Sie bilden jenen »roten Faden«, der die dadurch entstehende Vielfalt visuell zusammenhält. Ausgedacht hat sich das alles einer der beiden Kuratoren der Zwischentöne, Hans-Joachim Gögl. Die konkreten Gestaltungsregeln und das Logo der Montforter Zwischentöne entwickelte der Gestalter Clemens Theobert Schedler.

Nun, nach Ende des ersten dreijährigen Zyklus, schließt sich der Kreis, und Clemens Schedler zeichnet auch für die grafische Umsetzung des Kommunikationsdesigns zum Thema »vollenden« verantwortlich. Clemens Schedler ist im Land kein Unbekannter. Er ist in Vorarlberg aufgewachsen und lebt seit über 30 Jahren in Wien. Er hat von Anfang an die visuelle Kommunikation des KUB Kunsthaus Bregenz geprägt, die visuellen Basiselemente der Tourismusmarke Vorarlberg weiterentwickelt und ist auch für die Grafik der Wanderausstellung über zeitgenössische Architektur aus Vorarlberg »Getting Things Done« verantwortlich. Im Interview hat er uns ganz besondere Einblicke in seine Arbeit gewährt.

Was wirkt stärker – substanzieller Inhalt in mangelhafter Gestaltung oder exzellente Gestaltung nichtssagender Inhalte? Was hat Bestand?
Inhalt hat für mich grundsätzlich den Vorrang gegenüber der Visualisierung. Allerdings vermag ich Inhalt und Gestaltung nur »theoretisch« zu trennen. Sie gehören für mich zusammen, wie der innere Charakter und die äußere Erscheinung eines Menschen. Die Wechselwirkungen von innen und außen sind komplex. Was schlussendlich Bestand hat, darüber entscheiden die Zeit und die persönlichen Resonanzen in den Herzen des Publikums.

Lässt sich über gute Grafik streiten, so wie über guten Geschmack?
Meine Arbeit entsteht nicht aus einem persönlichen oder gar künstlerischen Antrieb, sondern im Kontext einer konkreten Auftraggeber- und Aufgabenkonstellation. In dieser gibt es sachliche Kriterien, die erfüllt werden müssen. Daran misst sich gute Grafik.

Guter Geschmack hingegen ist für jeden Menschen zutiefst persönlich verankert und darin für jede, für jeden quasi »absolut«.

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen? Was fasziniert dich an deiner Arbeit?
Arbeit ist für mich gelebte Liebe. Mich faszinieren die Begegnung mit anderen und der gemeinsame Entwicklungs- und Entwurfsprozess. Meine Arbeit ist voll davon – sie entsteht in einem vielfältigen und oft dichten Netz von Kooperation.

In meiner Jugend träumte ich davon, eine berühmter Schlagzeuger zu sein. Das war mein großes Ziel – einen realistischen Weg dorthin hatte ich mit 13, 14 Jahren jedoch nicht im Fokus. Begeisterung und Talent waren zwar vorhanden, doch an allem anderen fehlte es mir.

Am Bundesrealgymnasium Dornbirn waren meine Leistungen äußerst bescheiden. Ich musste die dritte Klasse wiederholen und quälte mich durch Schularbeiten, Prüfungen und Tests. Lediglich im Fach Bildnerische Erziehung glänzte ich ein wenig. Deshalb wollte ich als Maturant – nach dem Vorbild des Rockprofessors Reinhold Bilgeri – Zeichenlehrer werden, um in den Sommerferien mit meiner Rockband, die es dann geben sollte, auf Amerikatournee zu gehen. Daraus wurde natürlich nichts. Ich scheiterte bereits bei der Aufnahmeprüfung am Mozarteum in Salzburg und aus Ratlosigkeit studierte ich dort ein Jahr Kunstgeschichte.

Bei meinem ersten Vorstellungstermin an der Höheren Graphischen Bundes-, Lehr- und Versuchsanstalt in Wien schlenderte ich durch die Gänge und bliebt vor einer Schülerarbeit stehen, einer colorierten Radierung. Hier und jetzt ereilte mich ein »Erweckungserlebnis«. Es war, als ob mir die Schädeldecke geöffnet und das Programm »Ich werde Grafiker« installiert wurde. Von diesem Augenblick an wusste ich, was ich wollte. Das war im Frühjahr 1983. Von diesem Moment an war ich eigenverantwortlich unterwegs.

Wie lange hast du in Vorarlberg gearbeitet und welchen Bezug hast du zu Vorarlberg? Was ist dir aus der Zeit hier in Erinnerung geblieben?
Vielleicht ist es eher so, dass Vorarlberg »in mir« gearbeitet hat. Ich bin hier aufgewachsen und habe meine ersten zwanzig Lebensjahre in Vorarlberg verbracht. Kindheit und Jugend sind mehr als nur Erinnerungen. Das Ländle hat mich – gemeinsam mit meiner Herkunftsfamilie – tiefgreifend lebenslänglich geprägt.

Wie erklärst du »Zwischentöne«?
Der Name des Festivals »Montforter Zwischentöne« wurde von seinem Erfinder Hans-Joachim Gögl mit präziser Bedachtsamkeit festgelegt. Das Dazwischen ist doch das Eigentliche. In den Zwischenräumen entfalten sich unsere Resonanzen zu den Dingen. Dort entstehen unsere Beziehungen zu den anderen, zu uns selbst und zur Welt.

Diesem Phänomen der Zwischenräume folgen von Anfang an auch das Kommunikationskonzept des Festivals. Das zeigt sich visuell in dem optisch flirrenden Logo einerseits und in den zyklisch wechselnden Gestalterinnen und Gestaltern andererseits. Statt auf zentralistisch angebaute Monokultur setzen wir auf regionale Vielfalt und Lebendigkeit. Für jeden Zyklus wird ein neues Gestaltungsbüro beauftragt.

Die von mir festgelegten Basiselemente sichern nicht nur den visuellen Zusammenhalt, sie sind gleichzeitig ein Werkzeug für ein sehr freies Spiel. Die ersten drei Jahre zeigen, dass sich die Montforter Zwischentöne auch zu einem Festival regionaler Gestaltungskomptetenz entwickelt haben. Das Kaleidoskop der vorliegenden Interpretationen begeistert mich und ich freue mich auf alle noch kommenden.

Wie nimmst du das Netzwerk im Grafikbereich in Vorarlberg wahr? Im Vergleich zu Wien? Ist Kooperation in diesem Bereich möglich, sinnvoll, schwierig?
Ein Netzwerk bildet die persönlichen wie beruflichen Beziehungsflüsse ab. Ich arbeite seit Jahrzehnten bewusst in einem wohlwollenden Kooperationsklima mit meiner Kollegenschaft. Das Prinzip der Konkurrenz im Sinne von Angst, Neid und Verdrängung hat sich auf keiner Ebene bewährt  – es erscheint mir heute geradezu mittelalterlich. Sich wechselseitig zu bestärken, ja sogar zu fördern, das bringt hingegen alle weiter. Und das gilt nicht nur für die Gestaltungsszene! Diese innere Haltung wirkt. Sie öffnet Türen und Herzen gleichermaßen.

Außerdem ist die Komplexität heutiger Gestaltungsaufgaben nur noch mit intensiven und vielfältigen Kooperationen durchdringbar. Abgesehen vom Spaß und der wechselseitigen Inspiration geht damit eine permanente Horizonterweiterung einher.

Aus dieser Perspektive spielen Orte, Regionen und Länder für ein fruchtbares Kooperationsklima eine untergeordnete Rolle. In Vorarlberg sind die geografischen und die mentalen Wege kurz. Das ist vielleicht ein Unterschied im Vergleich zu urbanen Großräumen. Gleichzeitig ist das Arbeitsleben internationaler geworden. Nationale Grenzen verlieren an Bedeutung.

Ansonsten steht und fällt jede Kooperation mit der »persönlichen Chemie«, mit dem Willen und der Fähigkeit, vertrauensvoll mit anderen umzugehen. Das ist eine Binsenweisheit.

Wenn du einen Beruf wählen müsstest, der weit entfernt von deinem jetzigen ist – welcher könnte das sein?
Wenn es ein Beruf sein soll, der mir am Herzen liegt: Landwirt, Bauer. Das ist einer der wertvollsten, der sinnvollsten und wichtigsten Berufe überhaupt.

Interessieren sich deine Töchter für das, was du machst?
Mit der Geburt von Kindern habe ich mich bewusst dafür entschieden, Arbeit und Wohnen örtlich nicht zu trennen. Meine Töchter haben deshalb einen relativ guten Einblick in meine Werkstatt. Und es kommt immer wieder vor, dass ich sie spontan in aktuelle grafische Detailentscheidungen einbeziehe. Das hat ihren Blick auf Visuelles ein wenig geschult und ihr ganz natürliches Interesse an Schönheit vielleicht verstärkt.

Am interessantesten finden es meine Töchter allerdings, wenn ich eine Konferenz moderiere und sie mitkommen können. Das mögen sie sehr!

Welche Eigenschaft/Tätigkeit deiner Kindheit ist die naheliegendste, wenn du an deine jetzige Berufswahl denkst?
Blöd luaga und blöd reda …