Einführung


Ausgeträumt?
 

Waren wir nicht alle der Überzeugung, dass alles langsam aber stetig immer besser und besser wird? Klar, mit Irrtümern, Rückschlägen, anstrengenden Diskussionen, aber schlussendlich … ein bisschen besser als vor fünf Jahren, spürbar besser als vor zehn, großartig im Vergleich zu den Sechziger- und Siebzigerjahren. Frieden weit und breit. Eine verstärkte Zusammenarbeit der Länder innerhalb der EU, steigende Löhne und Gehälter sowieso, ein ständig sich verbesserndes Sozialsystem, die bestmögliche Medizin für alle, ein immer individualisierteres Schulsystem, das langsame Verschwinden von Kriminalität und deshalb von Gefängnissen, von Feinstaub, Einkaufszentren an der Peripherie, ineffizienter Verwaltung und Zugverspätungen. Und dazu türkischstämmige Migrantinnen und Migranten, deren Namen in unser aller Ohren heute so vorarlbergerisch klingen wie Fontanari, Micheluzzi oder Degasperi ….

Stattdessen erleben wir das Comeback von Bedrohungsszenarien eines überwunden geglaubten Kalten Krieges, mit einem aggressiv auftretenden Russland. Einem damit befremdlich sympathisierenden amerikanischen Präsidenten, der sich immer wieder von Nato und EU distanziert, der Beginn massiver weltweiter Aufrüstung, der Aufstieg von politischen Parteien, die statt internationaler Solidarität einen sich abgrenzenden Nationalstaat vorziehen. Die statt Parlamentarismus und Partizipation die gefährliche Idee eines »milden Herrschers« propagieren, der endlich die öden demokratischen Diskussionen beendet.   

Typisch vorarlbergerisch:
Hämmerle, Micheluzzi, Özcan …  
Es scheint so, als wären wir gerade aus einem Traum von der stetigen Zunahme an Sicherheit und Wohlstand, auch von der festen Überzeugung, dass Demokratie und Frieden unverlierbar seien, erwacht. Entstanden ist dieser Traum im Zeitalter der Aufklärung: Der Mensch nimmt sein Geschick selbst in die Hand und durch einen unserer Zivilisation inneliegenden, quasi automatischen Mechanismus entfaltet sich ein permanenter Verbesserungsprozess. Technologisch, sozial und politisch. Diese Idee hat alle fortschrittsorientierten Bewegungen im Europa der letzten Jahrhunderte getragen und sie ist weitgehend ungebremst von spirituellen Vorbehalten oder kulturpessimistischen Melancholien in Amerika an Land gegangen und hat bis vor wenigen Monaten dort scheinbar unumschränkt geherrscht.

Das Headquarter dieser Kultur ist heute Silicon Valley. Bei Google und Tesla gibt es den Plan, den Mars zu besiedeln, gratis vegane Smoothies in der Kantine und die beste Krankenversicherung für alle. Aber gewählt wurde ein Immobilieninvestor, der statt vom Weltall von Zäunen in der Wüste spricht, eine neue solidarische Krankenversicherung sofort wieder abschaffen, Zölle einführen, Personenfreizügigkeit beschränken und Rüstungsausgaben erhöhen will. Ein Experte für das Im-Mobile, das Nichtbewegliche, der auch hierzulande von manchen politischen Vertretern bejubelt wird und der in einem klug und charismatisch geführten Wahlkampf wohl auch bei uns erhebliches Potenzial hätte.  

Die verhöhnte Vision und die Diktatur des Pragmatischen  
Die Gründe für diesen verblüffenden Aufstieg von Zukunftsangst und der darauf reagierenden populistischen Rezepte sind komplex, vielfältig und aus unserer Perspektive als Zeitgenossen ohne Abstand schwer zu beschreiben. Es scheint so, als suche die von Globalisierung und technologischem Wandel erschöpfte Wählerschaft Schutz in politischen Reservaten, die Übersicht, Handlungsfähigkeit, Geborgenheit versprechen. Neben einer Reihe von möglichen Ursachen schlagen wir diese drei vor:

  • Ein kapitalistischer Zeitgeist, aus der fallenden Mauer des Kommunismus scheinbar alternativlos hervorgebrochen, der Effizienz, Geschwindigkeit und Kapitalmaximierung als allgemein gültige Spielregeln durchsetzen konnte. Fragen nach einer heutigen, aktualisierten Form von Gleichheit, Freiheit und Geschwisterlichkeit, nach dem guten Leben, Werte wie Freundschaft, Muße, Schönheit, wie wir gemeinsam unsere Gesellschaft gestalten wollen, wurden seit Jahrzehnten systematisch als utopisch diffamiert und lächerlich gemacht.
  • Zweitens, das Erlebnis der Machtlosigkeit unserer politischen Führungskräfte und damit natürlich von uns selbst, in so umfassenden Problemstellungen wie Euro oder Flüchtlingskrise. (Ein Historiker meinte vor kurzem, das Volk verzeihe dem Herrscher Machtlosigkeit nie. Deshalb sei in der französischen Revolution der Adel abgeschlachtet worden, obwohl die damals führende Schicht bereits das Bürgertum gewesen sei. Irgendwie erinnert das, zum Glück demokratisch abgefedert, an die grausamen je rund 11 %, mit der die beiden Präsidentschaftskandidaten der sogenannten österreichischen Großparteien, Khol und Hundstorfer, in die ewigen politischen Jagdgründe geschickt wurden.)  
  • Und drittens: Eine Presse, die seit Jahren Politiker und das Politische an sich systematisch abwertet. Übrigens, um erst jetzt zu merken, dass sie in den Vereinigten Staaten gerade von dem Ast herunterkracht, an dem sie selbst so bewusstlos wie ausdauernd gesägt hat. Die fast täglich berichtete Diffamierung der politischen Debatte als Streit, die schwer erträgliche Defizitorientierung, das Nichtvorkommen von politischer Kompetenz und Redlichkeit, von Achtung und Verständnis für die Komplexität gemeinschaftlicher Meinungs- und Konsensbildung, die weitgehende Abwesenheit von Berichterstattung zu bedenkenswerten unterschiedlichen Positionen kluger, engagierter Mandatarinnen und Mandatare. Wohin muss das wohl führen?

Innovation, Debatte und die Republik der Poesie:
Zwischentöne des Träumens
Von diesen albtraumhaften Bildern der Zäune, der Abgrenzung, der Unverbundenheit zu den Zwischentönen des Träumens in unserem Sommerprogramm: Wir wählen die Themen unserer Reihe jeweils nach ihrem Potenzial an Verbindung mit Alltagserfahrungen. Die Aktivierung persönlicher Kompetenz, Emotion oder Erinnerung ist für uns der bestmögliche Standpunkt, von dem aus in die Wahrnehmung eines Kunstwerks gegangen werden kann. Zum Beispiel eines Musikstückes. Wie immer jenseits aller Vollständigkeit und Systematik thematisieren wir in unserem Sommerschwerpunkt unterschiedliche Aspekte des Träumens, auch in möglichst hilfreicher Resonanz und Widerstand auf die Überlegungen, die wir oben beschrieben haben.

Die Uraufführung des Gewinnerbeitrags unseres Konzertdramaturgiewettbewerbs »Hugo« beschäftigt sich über die ausgewählten Musikstücke mit dem Thema. Aber die Tatsache, dass wir überhaupt diesen Wettbewerb entwickelt haben, hängt mit der zu Beginn dieses Textes beschriebenen produktiven Unruhe zusammen. Innovation, der Traum vom Besseren, die Freude an der Entwicklung, in diesem Fall die Suche nach einer möglichst intensiven Musikerfahrung in Zeit und Raum – ein unvergessliches Konzert.

»Vision Rheinstadt« ist ein Ausdruck für die Lust an der Debatte. Und die tiefe Überzeugung, dass wir nur gemeinsam zu guten Lösungen kommen, durch intelligente, trag- und auch humorfähige Formate des Austausches.

Wir brauchen – gerade in diesem kleinen Land, in dem sich »alle« kennen, ständig begegnen und sich deshalb persönliche Irritationen kaum leisten können – eine neue Wertschätzung für die Kontroverse. Für eine »Streitkultur« zum gemeinsamen Finden guter Lösungen. In einem verlässlichen Zweikanalton: Inhaltlich präzise, hartnäckig auf hoher Qualität bestehend und auf der persönlichen Ebene unablässig am vollem Respekt für den oder die Andere festhaltend. Denn ist nicht der harmoniebedürftige Kompromiss oft der Verzicht auf die beste Lösung?

Und zum Schluss der Traumwald von Purcells »Fairy Queen«. Eine Sommernacht der Geister, Könige, heimlich Liebenden. Der labyrinthische Wald in uns selbst. Das verborgene Reich der Poesie, der unausgesprochenen Sehnsüchte, märchenhafter Wahrheiten. Die ganze, freie Welt des nicht Handhabbaren, nicht Käuflichen, nicht Verfügbaren in uns.