Einfach da sein

Im Gespräch mit Anna Gamma über die Stille.

Dr. Anna Gamma ist eine Expertin des Zwischentöne-Themas “schweigen” in ganz unterschiedlichen Anwendungsfeldern:Sie studierte Psychologie und ist Mitglied des Schweizer Katharinawerks, einer interreligiösen Gemeinschaft. Sie leitete viele Jahre das Lassalle-Institut mit dem Schwerpunkt Führungskräfte-Training, ist Coach im Top-Management, anerkannte Zen-Meisterin und führt heute ihr eigenes Zentrum in Luzern. Im Bildungshaus St. Arbogast bietet Anna Gamma einmal pro Jahr Einführungen in die Kontemplation an.

Am Sonntag, 18. November wird sie im Rahmen unseres Morgenformates »Geh dahin wo du nichts bist« mit drei Experten der Leere über die Stille sprechen und schweigen. 

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Wie sind Sie in Ihrem Leben zur Stille gekommen?
Das war vor etwa vierzig Jahren und wie so oft, wenn man etwas sucht, findet man etwas anderes. Ich war damals in einer herausfordernden, stressvollen beruflichen Situation, suchte nach einer Möglichkeit, möglichst rasch wieder zur Ruhe zu kommen und buchte ein mehrtägiges Sesshin bei dem Jesuiten und Zen-Meister Pater Lasalle. Dort fand ich erstmals einen bewusst angeleiteten reflektierten Umgang mit Stille.

War das für Sie damals die Begegnung mit etwas ganz Neuem oder gab es eine Resonanz zu Erfahrungen in der Kindheit oder alltäglichen Situationen der Gegenwart?
Ich sage immer wieder: mein erster Meditationslehrer war mein Großvater. Er war Bergbauer und nachdem eram Abend die Kuh gemolken und den Stall ausgemistet hatte, stellte er sich hinter die Stalltür und wir schauten gemeinsam schweigend in die Berge. Das sind kostbare Stunden meiner Kindheit, die mich heute noch nähren, wenn ich mich damit verbinde.

Wird im Zusammenhang von Spiritualität über Stille gesprochen, ist nicht Lautlosigkeit gemeint. Stille wie Sie sie meinen, ist eher eine Art tiefer Verbundenheit mit dem Hier und Jetzt?
Genau. Es geht um ein einfaches da sein. Ohne Worte, ohne Begriffe. Stille ist überall gegenwärtig, auch wenn es lärmig ist. Es gibt einen raumlosen Raum der Stille in uns, den wir jederzeit aufsuchen können. In ihm tauchen Antworten auf Fragen auf, die wir uns oftmals noch gar nicht gestellt haben. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass das Eintauchen in den stillen-leeren Raum mein Leben ordnet. Die Stille funktioniert wie ein Kompass, der mich ausrichtet.

Weil man sich unabgelenkt, konzentriert ganz sich selbst zuwendet?
Nein, nein, es ist nicht etwas, das wir machen. Es geschieht! Die Ordnung von der ich spreche, ist nicht der Effekt meiner klügeren Organisation. Es scheint eher sozu sein, dass ich mit dem Fluss des Lebens selbst in Verbindung trete. Und letztlich geht es auch darum,  diesen Zustand nicht nur auf die Meditationszeit zu beschränken, sondern in meinen Alltag hineinzutragen. Also in der Stille verankert zu bleiben, in jedem Tun, auch wenn ich spreche… Diese Erfahrung ist leider schwer mit Worten zu beschreiben.

Was sagen Sie jemandem, der keine Erfahrung mit Meditation hat, wie denn ihre konkreten Auswirkungen sind?
Eine Form der Gelassenheit. Mit einer Metapher gesprochen: es ist als würde man in das Meer hinabtauchen und der Lärm der Welt ist wie der ferne Wellengang an der Wasseroberfläche. Es ist ein Denken und Fühlen am Rand. Wir sind alle geprägt von Gewohnheiten, der eigenen Geschichte, gesellschaftlichen Konventionen. Je geübter man sich in diesem Raum des Nicht-Denkens, Nicht-Bewertens, des reinen Gegenwärtigseins bewegt, desto mehr verlieren diese Autopiloten, die unser Leben steuern, an Gewicht. Dabei geht es nicht darum, dass ich mich von der Welt abspalte, dass ich nur noch zur Beobachterin werde. Eine hilfreiche Formulierung für diese Haltung könnte vielleicht »mitfühlendes Gewahrsein« sein.

Ist das so ein ähnliches Bewusstsein, wie wenn bei Ihrer eingangs erzählten Erfahrung, das Kind und der Großvater in die Natur schauen und angesichts der Berge und es Himmels werden die Alltagsprobleme klein?
Ja, sie verlieren an Wichtigkeit aber es ist noch etwas Anderes: Viele unserer Handlungen sind von Ängsten getrieben. Tragischerweise führt das oft zu noch mehr Problemen und noch mehr Angst. Die Haltung des mitfühlenden, teilnehmenden Gewahrseins führt nicht sofort ins Tun, sondern erst einmal in das Vertrauen in den Fluss meines Lebens, der es gut mit mir meint.

Ein anderer Begriff für diese Form der Stille ist Präsenz. Ist das ein angstfreier Raum, weil die radikale Gegenwartvon der Vergangenheit befreit, die belastet und von der Zukunft, um die wir uns sorgen?
Das Bewusstsein, von dem ich spreche, führt nicht in die totale Abwesenheit von Angst. Ich bin nicht frei von dem, was es heißt, ein Mensch zu sein. Da gehört Angst dazu, auch Verachtung, Wut, Freude, Liebe und so weiter. Durch die Erfahrung der Stille habe ich die Angst zwar immer noch, bin sie aber nicht mehr. Ich nehme meine Angst wahr, aber identifiziere mich nicht mehr mit ihr.

In den letzten Jahren sind Meditationspraktiken in denFokus der Wissenschaft gerückt. Unter anderem beschäftigt sich die Innovationsforschung damit. Am MIT in Boston wurde etwa mit der »Theory U« eine Art Erfindungs-Strategie entwickelt, in deren Zentrum Phasen der Stille vorgesehen sind, in die sich die Forscher begeben sollen. Was sind Ihre Erfahrungen mit Stille und Kreativität?
Wer einen vollen Becher an Gedanken hat, dem kann das Leben nichts Neues einschenken. Wir wissen heute, dass wir täglich etwa 60.000 Gedanken haben. Die meisten davon sind unproduktiv. Wenn wir in den raumlosen Raum der Stille eintauchen, schaffen wir Platz. Für mich schreiben sich dort ganze Kapitel eines Buches, an dem ich arbeite. Aus der Managementforschung wissen wir beispielsweise, dass ein Merkmal von Spitzenteams ist, dass sie miteinander schweigen können. Um wirklich neue Ideen in die Welt zu bringen, müssen wir die Formen unseres rational-logischen Denkens verlassen können. Eine Möglichkeit, auszusteigen, ist das Aufsuchen der Stille.  Manche nennen das, von dem wir gerade sprechen, auch reines Bewusstsein oder absoluter weiter Geist.

Die Herkunft dessen, was jetzt Wissenschaft und Wirtschaft für sich entdecken, sind die Religionen. In ihren Traditionen wurde entwickelt, was bis vor dem jüngsten Aufstieg der Hirnforschung als esoterisch und irrational galt. Sie selber kennen als katholische Ordensfrau und Zen-Meisterin diese Wurzeln in einer täglichen spirituellen Praxis.
Die Methoden zur Erreichung dieses Bewusstseins wurden in den mystischen Traditionen der Religionen entwickelt. In allen Glaubensrichtungen gab es immer das Spannungsfeld zwischen der Struktur und Organisation des Glaubens und der mystischen Erfahrung und Praxis. Und in allen Religionen waren die Mystikerinnen und Mystiker immer wieder Freigeister, die mit dem System in Konflikt gerieten, weil sie, gespeist von ihren Erkenntnissen, nicht mehr in der Lage waren, nachzuplappern was andere vorgedacht hatten. In der Ausbildungstradition des Katharina-Werks, meiner spirituellen Gemeinschaft, spielte die Auseinandersetzung mit der christlichen Mystik eine große Rolle, di eja reich an herausragenden Persönlichkeiten ist, wie etwa Theresa von Avila, Meister Eckhart oder Johannes Tauler.

Bemerkenswert ist allerdings, dass es zwar reichhaltige Literatur über mystische Erfahrungen im Christentum gibt, aber kaum Hinweise auf Anleitungen zur Praxis. Ganzanders als etwa im Buddhismus, in dem sich eine Vielzahlan dokumentierten Methoden findet und wie man diese konkret anwendet.
Tatsächlich findet man in einer Reihe von buddhistischenTraditionen, wie etwa im Vipassana, ganz klare Anweisungen. Es geht ja auch darum, aus der Fülle der Praktiken jenezu finden, die zu einem passt.

Sie selbst praktizieren Zen-Meditation. Ein wesentliches Element dieser Tradition ist das kontinuierliche Sitzen in der Stille, die Konzentration auf den Atemfluss, ohne an auftauchenden Gedanken und Gefühlen festzuhalten. Was wäre für Sie ein einfacher Einstieg für jemanden, der sich für eine meditative Praxis interessiert?
Da gibt es für mich etwas ganz Einfaches: Sich hinsetzen und das Ausatmen mit einem »Ja« zu begleiten: einfach einatmen und ausatmen und dabei innerlich »Ja« sagen. Das ist einfach und sehr, sehr kraftvoll. Man beginnt mit dem Ja-Sagen zu sich selbst, zu seinem eigenen Wesen, zu seinem Körper, zu dem, was geworden ist und zu dem, was jetzt gerade ist. Und wenn man das gut übt, verflüchtigen sich alle Widerstände und man kommt an im Hierund Jetzt.

Ein Ergebnis des großen Meditationsforschungsprojektes von Prof. Tania Singer am Max-Planck-Institut in Leipzig ist, dass man eine Veränderung der Hirnstruktur – und das heißt z.B. eine höhere Stressresistenz – nach etwa einem halben Jahr täglicher meditativer Praxis im Computertomogramm klar erkennen kann. Das ist eine gute Nachricht, weil sich etwas physisch manifestiert, das man bisher nur glauben konnte. Aber auch eine schlechte: viel Arbeit.
Ich würde sagen, es ist wie eine Sprache zu erlernen, die muss man auch kontinuierlich praktizieren, sonst geht sie einem verloren. Aber meine Erfahrung ist, jeden Tag zehn Minuten Stille machen einen großen, spürbaren Unterschied aus zum ununterbrochenen Gedankenlärm im Getriebe des Alltags.

Das Gespräch mit Anna Gamma führte Hans-Joachim Gögl.