»Wir essen auch nicht jeden Abend Pizza«

Wir sind oversexed, aber underfucked sagt die Schweizer Pornographie-Expertin Talaya Schmid. Eine Annäherung an das Begehren in einem Gespräch über seine verborgene Gestalt als Massenphänomen.

Wenn man sich mit dem Thema »begehren« auseinandersetzt, kommt man am Massenphänomen Pornographie nicht vorbei. 25 Prozent aller Anfragen im Internet drehen sich um die Darstellung sexueller Lust. Deutsche Umfragen zeigen, dass 70 Prozent aller Männer und mehr als ein Drittel aller Frauen regelmäßig Websites mit pornographischen Inhalten besuchen. Das durchschnittliche Alter der Erstkonsumenten liegt bei 11 Jahren.

Das sind so gigantische Zahlen, wie wir sie in unserer Gesellschaft vielleicht nur noch vom Fußball kennen. Quantitativ ist das so, als würden  Millionen Fans die Bundesliga heimlich verfolgen und niemandem verraten, dass sie sich schon wieder ein Champions League-Spiel angeschaut haben.

Im Rahmen unseres Formats »Salon Paula« haben wir eine Künstlerin eingeladen, die sich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzt. Talaya Schmid ist die Gründerin des Film Kunst Festivals »Porny Days«, das jährlich in Zürich stattfindet. Sein Ziel ist, eine Öffentlichkeit für ein Thema zu schaffen, das mit vielschichtigen Tabus behaftet und zugleich zentrales wie zeitloses Element der menschlichen Kultur ist. Sie wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet und lehrt an der F+F Schule für Kunst & Design Zürich.

Ein Anlass, sich diesem Sommerschwerpunkt der »Montforter Zwischentöne« von seiner scheinbar populärsten und gleichzeitig schamvoll verborgenen Seite zu nähern. Neben den unterschiedlichen musikalischen, literarischen, oder auch tänzerischen Zugängen zum Thema, die wir anbieten, eine reflexive Tiefenbohrung in ein nur scheinbares Spezialthema, das eben keines ist.

 

Interview mit Talya Schmid

Das Gespräch führte Hans-Joachim Gögl.

Was ist Pornographie?

Pornographie ist die explizite Darstellung von Sexualität, mit dem Ziel zu erregen. In unserem heutigen Sinne wurde der Begriff erstmals verwendet, um die erotischen Darstellungen auf antiken Vasen in Pompeji zu bezeichnen. Das Wort setzt sich aus »pórne,«, altgriechisch für Dirne und »gráphein« für schreiben zusammen.

Würden Sie sich als Leiterin eines einschlägigen Film Kunst Festivals als Lobbyistin für Pornographie bezeichnen?

Nein, der herkömmlichen Pornographie stehe ich kritisch gegenüber. Ich verteufle sie nicht, aber es ist nicht das, was ich zeigen will.

Vom Konsum von Pornographie auf einer exklusiven Keramik für die römische Oberschicht der Antike bis zu den Milliarden Bildern, die heute auf jedem Handy permanent abrufbar sind haben wir als Gesellschaft einen weiten Weg zurückgelegt. Der österreichische Sexualforscher Johann Christian Aigner sagt: »Vieles an dem ganzen kommerzialisierten Sex-Unsinn, der uns die letzten Jahrzehnte zwangsbegleitet hat, hat das Begehren geradezu applaniert, totbebildert, banalisiert und letztlich vernichtet.« Hauptsymptom dieser Entwicklung sei Lustlosigkeit, meint er. Ist diese pornographische Flut aus   Ihrer Sicht der Feind des Begehrens?

Ich denke beides. Diese Bilder wecken Begehren,  aber eines, das sehr schnell wieder vorbei ist. Begehren hat doch auch sehr stark mit einem Gegenüber zu tun, mit Kontakt, mit Verführung und da spielt auch Zeit eine Rolle. Mainstream-Pornographie ist kurzfristig und selbstbezogen.

Und birgt die Gefahr, aufgrund der Wucht und schieren Menge an beliebig wiederholbaren Reizen desensibilisierend zu wirken?

Ich würde sagen ja. Aber es ist auch problematisch, dass durch die kommerzielle Produktion der Begriff sehr negativ besetzt ist. Ein Motiv für die Gründung des Festivals »Porny Days« war eben, dass es so wahnsinnig viele Bilder gibt, aber nichts, das auf meine Lust antwortet, neugierig macht oder mich gar inspiriert für meine Sexualität. Ich war aber immer überzeugt, dass es das geben muss. Was man üblicherweise findet, ist eigentlich eher einengend.

Ist der pornographische Film aus künstlerischer Perspektive in seinen ästhetischen Möglichkeiten überhaupt interessant?

Durchaus, und zwar weil er lange Zeit außerhalb der Gesellschaft gestanden ist. Neben negativen Effekten dieser Ausgrenzung gab es dadurch aber auch künstlerische Freiräume, Dinge auszuprobieren, die man sonst nicht gewagt hätte. Split screens kommen zum Beispiel ursprünglich aus der Pornographie, weil es dadurch die Möglichkeit gab, auf dem Bildschirm zwei Perspektiven gleichzeitig zu zeigen. Oder der Einsatz von Handkameras, heute ein zentrales filmisches Stilmittel. Ich glaube, auch der allererste Einsatz von sogenannten Mixed-Race-Szenen kam aus der Pornographie, natürlich nicht als politisches Statement, sondern weil das ein Fetisch war. In Nischenproduktionen hat dieses Genre künstlerisch immer wieder interessante Beiträge geliefert.

Talaya-Schmid-Begehren

Im feministischen Diskurs des letzten Jahrhunderts wurde Pornographie als Ausdruck eines rein männlichen, patriarchalen Zuganges zu Sexualität fast pauschal abgelehnt, ist das immer noch so?

Pornographie war und ist tatsächlich meist eine elitäre, hierarchische Angelegenheit von weißen Männern für weiße Männer. Da hat sich in den letzten Jahren nur langsam etwas geändert. Es gibt heute mehr Diversität und zunehmend interessante Produktionen, die auch von Regisseurinnen geleitet werden.

Ein weitverbreitetes pornographisches und aus einer feministischen Perspektive schwer erträgliches Sujet ist die Darstellung weiblicher Lust an der Unterwerfung. Gibt es für Sie sozusagen politisch unkorrekte sexuelle Phantasien?

Mich interessiert kein Gut-Böse-Schema, aber ich bin überzeugt davon, dass sexuelle Phantasien auf kulturellen Prägungen basieren. Solange Darstellungen wie ein gang bang als Fetisch funktionieren, haben wir kollektiv etwas noch nicht überwunden. Wir zeigen Filme, die oft nicht auf den allerersten Blick erregend sind, aber die man zwei, drei Tage später noch im Kopf und vielleicht Lust hat, etwas davon selbst umzusetzen. Ein besonderer Aspekt des Festivals ist natürlich auch, sich mit den Leuten, die die Filme machen und den Performerinnen und Performern auszutauschen. Wichtig ist für mich, dass man anhand der Filme eine Sprache zur Verfügung bekommt und damit an Themen herankommt, die man anders vielleicht nicht thematisieren könnte, weil es einem zu persönlich wäre.

Das heißt, es gibt ein Entwicklungshilfe-Moment in euren Aktivitäten?

Ja, für mich hat das viel mit Aufklärung zu tun. In der herkömmlichen Pornographie wiederholen sich die immer gleichen Bilder. Mir geht es darum, Neues zu zeigen und auch festgefahrene Rollen aufzubrechen. Etwa Männlichkeit und Weiblichkeit zu lösen vom biologischen Geschlecht, dieses
mehr als Konzept zu verstehen. Fragen zu dürfen, wie fühle ich mich denn heute?

Ist aus Ihrer Sicht die Verfügbarkeit von Bildern sexueller Lust ein Hinweis auf eine lustfreundlichere Gesellschaft?

Würde ich nicht sagen … Wir sind alle sehr stark auf Bilder fixiert und herkömmliche Pornographie zementiert die herkömmlichen Rollen. Lust finden wir eher in der Frage, was ist denn mein ganz eigenes Bedürfnis? Lust kann mit jedem Mensch anders sein und Pornographie bietet dafür viel zu wenig Differenzierung, um diese mögliche Vielfalt von Lust abzubilden. Aber ihre Zugänglichkeit bietet vielleicht auch die Chance, offener darüber zu sprechen und neue Bilder zu finden. Mich interessiert es, diese verschütteten Bilder unter dem Wust der Masse aufzuspüren.

Der Impuls des sexuellen Begehrens in uns kümmert sich nicht um gesellschaftliche Konventionen und gäbe man ihm spontan nach, könnte das rasch zu Kollisionen mit den herrschenden moralischen Normen und Übereinkünften führen. Interessiert Sie dieses anarchistische Moment des Begehrens auch in seiner gesellschaftlichen Relevanz oder eher als privates Phänomen?

Definitiv auch als kulturelle Entwicklung. Schwierig ist aber erst mal, die feine Grenze zwischen meinem Begehren und dem des Anderen wahrzunehmen. Ich habe das Gefühl, wir haben noch kaum eine Sprache, um das eigene Begehren auszudrücken. Und so statisch, konventionell, hierarchisch und letztlich unverbunden funktioniert auch unser gesellschaftliches Regelsystem und Miteinander.

In der Beschreibung Ihres Festivals formulieren Sie, damit einen Kontrapunkt zu »Neoprüderie« zu setzen. Haben Sie das Gefühl, dass das gesellschaftliche Klima etwa in den 70er-Jahren diesbezüglich offener als heute war?

Die Ausstrahlung der damaligen Bewegung, die Aufbruchsstimmung in dieser Zeit war sicher größer als ihre gesellschaftliche Realität. Über unsere Gesellschaft heute würde ich sagen, wir sind oversexed, aber underfucked. So eine cleane Soft Porno-Ästhetik ist allgegenwärtig in Werbung, TV-Serien, Internet, aber wenn wir aus diesem geradlinigen Script herausfallen und es ursprünglich, emotional, wirklich individuell wird, kommen wir ins Schleudern. Ist es nicht merkwürdig, dass wir ständig neue Kochbücher kaufen, in entfernte Länder reisen, uns beruflich weiterbilden, regelmäßig Sport machen, neue Ernährungstipps ausprobieren, aber Sex begegnen wir als Teenager, lernen vielleicht ein bisschen was aus einem Porno, in der Schule haben wir eine verklemmte Stunde Aufklärung, in der es vor allem um Verhütung geht und that’s it? Ich glaube Sexualität hat ein großes heilendes Potential für unser körperliches und seelisches Wohl.

Gibt es für Sie einen Zusammenhang zwischen Liebe und Begehren?

Sexuelle Lust ist nicht an eine Liebesbeziehung gebunden, aber eine lebendige Liebesbeziehung an das Begehren. Ich finde in einer langfristigen und dadurch eben kostbaren Beziehung muss man Begehrensarbeit leisten, um diese Begegnungsmöglichkeit aufrecht zu erhalten. So wie man in
die Ferien fährt, man sich Gutes tut, für gemeinsame Erlebnisse sorgt, kann man auch Sexualität achtsam zelebrieren. Wir essen auch nicht jeden Abend Pizza.