Kinder als Dolmetscher

 

Vera Ahamer über die Rolle der Sprache im Zusammenhang mit Migration. Die Sprachforscherin Vera Ahamer ist eine von sieben internationalen Expertinnen mit Feldkircher Wurzeln, die am 23. Februar 2018 bei den Montforter Zwischentönen ihr Wissen und ihre Ideen zur Zukunft der Stadt in den »Dialog für Feldkirch« einbringen.

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Sie haben Feldkirch für die Wissenschaft verlassen. Wie fühlt man sich, wenn man von seiner Heimatstadt als Expertin eingeladen wird?

Sprache ist ein sehr emotionales Thema, insbesondere im Zusammenhang mit Migration. Dies ist wohl einer der Gründe, weshalb Forschungsergebnisse aus diesem Bereich gegenwärtig kaum Resonanz in der Politik sowie im öffentlichen Diskurs finden. Es ist mir daher eine umso größere Freude, dass gerade meine Heimatstadt Interesse an dieser Thematik findet und mir Möglichkeit für einen Austausch gibt.

In Ihrer Arbeit befassen Sie sich mit der Rolle der Mehrsprachigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Sind Kinder die besseren Dolmetscher?

Das hängt von mehreren Faktoren ab: Im spielerischen Kontext können Kinder mit Sprache äußerst kreativ umgehen und somit auch erstaunliche Dolmetschleistungen erbringen. Sind sie hingegen gezwungen, in einer für sie einschüchternden, ihren Erfahrungshorizont übersteigenden Situation zu dolmetschen, z.B. beim Arzt oder der Fremdenpolizei, so ist dies kategorisch abzulehnen. Weiters spielt auch eine Rolle, wie ihre Erstsprache wahrgenommen wird. Paradoxerweise kommt es zu Situationen, in denen z.B. Kindern der Gebrauch ihrer Erstsprache verboten wird, sie aber dann beim Elternsprechtag dolmetschen sollen.

Von den Chancen abgesehen, birgt die bilinguale Sozialisierung auch Risiken?

Mir ist keine einzige Forschungsarbeit bekannt, aus der hervorginge, dass das Aufwachsen in einem mehrsprachigen Kontext mit Risiken verbunden wäre. Die Quelle von möglichen Risiken liegt nicht in der Mehrsprachigkeit selbst, sondern vielmehr im Umgang mit ihr. Ist das Umfeld der Erstsprache gegenüber negativ eingestellt, so kann dies sehr wohl negative Folgen auf die weitere sprachliche wie auch persönliche Entwicklung des Kindes haben. Kinder haben ein äußerst ausgeprägtes Sensorium dafür, wie ihre Familiensprachen wahrgenommen werden, was zu einem Gefühl der Minderwertigkeit, einer Verweigerung gegenüber der Erstsprache führen oder eine negative Haltung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft begünstigen kann.

Der »Dialog für Feldkirch« findet anlässlich des 800-jährigen Stadtjubiläums statt. Wie nehmen Sie Feldkirch heute als Außenstehende wahr?

Es erstaunt mich immer wieder, wie viel gleich geblieben ist. Manches verändert sich natürlich den allgemeinen Trends folgend, aber dies in einem erträglichen Ausmaß. Die Stadt bewahrt ihren Charakter und hat das Potenzial, auch in Zukunft sich nicht unbedingt wünschenswerten Entwicklungen entgegenzustellen. Was sicherlich eine Konstante bleibt, ist die historische Funktion als Verkehrsknotenpunkt und somit auch als Ort des Ankommens – wie bereits seit 800 Jahren.

Wenn Sie an Ihre Zeit in Feldkirch zurückdenken, woran erinnern Sie sich besonders gerne?

Ich bin recht oft in Feldkirch, so kommen immer wieder neue Erlebnisse dazu, an die ich mich gerne erinnere. Insofern habe ich nicht das Gefühl, dass meine dortige Vergangenheit abgerissen wäre. Wenn ich aber an „meine Zeit“ als jene bis zu meinem 18. Lebensjahr denke, so fallen mir einerseits Volksschulfreundschaften ein, die leider mit der Wahl Gymnasium/Hauptschule unterbrochen wurden. Zum anderen die vielen durchdiskutierten Abende im Jugendhaus Graf Hugo, einem damals ganz eigenen Mikrokosmos, der sich nicht zuletzt auch auf die Studienwahl auswirkte.

Was braucht die Stadt in Ihren Augen für die Zukunft und was wünschen Sie ihr?

Im Zuge meiner Recherchen über Jugendliche als Laiendolmetscher habe ich auch in Feldkirch Daten erhoben. Auch von der Stadt wurden mir viele Materialien zur Verfügung gestellt, so bin ich auch auf die viersprachige Broschüre „Integrationsleitbild“ der Stadt gestoßen. Wenn ich mir anmaßen darf darüber zu urteilen, was Feldkirch „braucht“, so würde ich sagen, auch in Zukunft diesem Leitbild zu folgen und es umzusetzen. Und zwar indem ankommenden Menschen das Gefühl vermittelt wird, dass Sprache nicht die Voraussetzung für Integration ist, sondern Teil eines gesamten Prozesses, in dem sie von der Stadt unterstützt werden.