Musik zwischen den Welten

 

Ein großes Jubiläum, eine findige Idee und die Frage: Wie sieht die Klassikkultur der Zukunft aus? Ein Gespräch mit dem Komponisten und Dirigenten Thomas Ludescher und dem Geschäftsführer des „Sinfonischen Blasorchester Vorarlberg“ Elmar Rederer. 

Von Katharina Weigert

 

Dirigent und Komponist Thomas Ludescher (links) und Geschäftsführer Edgar Rederer im Gespräch. Foto: Mathias Johansen

Komponist und Dirigent Thomas Ludescher (links) und Geschäftsführer Elmar Rederer (rechts).
Foto: Mathias Johansen

 

Am 7. Oktober feiert das Sinfonische Blasorchester Vorarlberg im Montforthaus Feldkirch seinen 20. Geburtstag. Unter einem Jubiläumskonzert stellen sich viele Menschen einen feierlichen Festakt vor, bei dem die großen Schinken der Klassik gespielt werden. Das SBV hat sich etwas anderes überlegt. Wie kommt man dazu, eine Uraufführung für ein virtuelles Orchester und Live-Orchester an seinem Jubiläum aufzuführen?

Thomas Ludescher: Es ist so, dass wir uns als innovatives Orchester sehen. Vielleicht auch deshalb, weil wir auch gezwungen sind, andere Wege zu gehen. Wir haben kein Abo-Publikum wie andere Häuser, das den Konzertsaal automatisch füllt. Es gibt sehr viele junge Menschen unter unseren Zuhörern und das führt einfach dazu, dass wir innovativere Wege gehen. Das funktioniert mit unserem Orchester auch sehr gut, die Musiker machen das mit und deshalb haben wir uns gedacht – 20 Jahre SBV, ein Rückblick, was haben wir geleistet? Aber auch, was wird in 20 Jahren sein? Daher kam die Idee, einen Wettbewerb für ein »virtuelles Orchester« auszuschreiben. Die Idee hat letztendlich nicht ganz in dem Maße funktioniert, wie wir uns das zu Beginn vorgestellt hatten. Aber es wird im Konzert einen virtuellen Part in Form von Video- und Toneinspielungen sowie Bildelementen geben, kombiniert mit dem SBV als Live-Orchester. 

Wenn man »virtuelles Orchester« hört, kommt natürlich die Frage auf, was man sich darunter genau vorstellen kann?

Ludescher: Wir nennen das Projekt „A Planet‘s Breath“ und diese Metapher soll bedeuten, wir sind alle von diesem Planeten und die Atmung oder der Atem verbindet uns. Wir haben dann gesucht, was verbindet uns noch? Und die Antwort war, die verschiedenen Kulturen. Deshalb haben wir die eigene Kultur von hier, also z B. Volksmusik und Jodler, mit anderen Kulturen, wie einem australischen Didgeridoo, aufgegriffen. Diese Aufnahmen werden teilweise per Ton und Bild eingespielt, fließen in das Live-Orchester ein und werden vom Orchester aufgenommen, sodass am Ende eine Art Dialog zwischen dem virtuellem und dem Live-Orchester entsteht.

Elmar Rederer: Wir haben übrigens nicht nur Musik, sondern auch die Atmung verschiedener Musiker aufgenommen und das Live-Orchester atmet zusammen mit dem virtuellem Orchester – der Atem wird sozusagen Teil der Komposition. 

 

2017: Das SBV mit „Marsch in die falsche Richtung“ im Rahmen der Montforter Zwischentöne „entscheiden“. Foto: Matthias Rhomberg

2017: Das SBV mit »Marsch in die falsche Richtung« im Rahmen der Montforter Zwischentöne »entscheiden«.
Foto: Matthias Rhomberg

 

 

Urkulturen im Vorarlberg

Verschiedene Spielorte, digitale Übertragung: Das klingt für mich ein bisschen nach Stockhausens Helikopter-Streichquartett? 

Ludescher: Also was die Tonsprache betrifft, war Stockhausen kein Vorbild. Aber wohl die Idee, das Konzert zu einem anderen Erlebnis zu machen. Wir haben ja auch ganz stark den Raum eingebunden, die Musiker sind teilweise im Konzertsaal verteilt, womit wir einfach ein anderes Hörerlebnis kreieren wollten. Ein anderes Erlebnis als: Vorne die Bühne, und hinten das Publikum. Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt hatte schon vor einiger Zeit geschrieben, das Schlimmste sei, den Zuhörer ins Publikum »hineinzupferchen« und ihm vorzuschreiben, wann er klatschen darf und wann nicht. Er hat also schon damals gezweifelt, ob dieses Ritual überhaupt noch Zukunft hat. Ursprünglich hatte das SBV einen »Kompositionswettbewerb für ein virtuelles Orchester und Live-Orchester« ausgeschrieben.

Wie habt ihr die Musiker für das virtuelle Orchester gefunden?

Ludescher: Ursprünglich wollten wir eigentlich die Musiker aus den verschiedenen Kulturen bekommen, sprich, den Didgeridoo-Spieler aus Australien oder den Duduk Spieler aus Armenien. Diese Musiker sollten dann ein Video von sich aufnehmen bzw. wir hatten sogar überlegt, ein bestehendes Video zu nehmen, das wir dann in die Komposition einarbeiten. Aber das hat qualitativ einfach nicht funktioniert. Jetzt gehen wir einen anderen Weg und lassen die fremde Kulturen von Musikern unserer Kultur einspielen. Da sind wir auf Entdeckungen gestoßen, mit denen wir gar nicht gerechnet hatten. Zum Beispiel spielt Johannes Bär, ein sehr bekannter Jazz-Trompeter aus dem Bregenzerwald, ein sensationelles Didgeridoo. Wer hätte gedacht, dass hier ein Musiker sitzt, der ein Instrument der australischen Urkultur spielen kann?

 

Chefdirigent und Komponist Thomas Ludescher (links) und Geschäftsführer Elmar Rederer (rechts) im Gespräch

Foto: Mathias Johansen

 

Wie ist denn der Wettbewerb abgelaufen? Gab es viele Einreichungen?

Ludescher: Die Bewerber mussten ein Konzept einreichen und es wurden insgesamt 12 internationale Bewerbungen eingereicht. Allerdings war es so, dass entweder ein geniales Konzept für eine Komposition eingereicht wurde, aber diese Bewerber überhaupt nichts mit dem Raumerlebnis und dem visuellem Aspekt anfangen konnten. Oder es kam ein geniales Konzept, was das Visuelle betrifft, doch die Komposition war nicht so spannend. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, die Ausschreibung nur in Kooperation mit uns zu vergeben. Der Komponist Stefan Meusburger, ein Vorarlberger, hat den Auftrag bekommen und diesen zusammen mit mir verwirklicht. Er war sozusagen der Ideengeber für „A Planet’s Breath“

Ist die Kompositionsarbeit eine andere, wenn man für ein virtuelles Orchester schreibt?

Ludescher: Auf jeden Fall. Nach der Vergabe für das Projekt kam eigentlich erst das »böse Erwachen«. Normalerweise funktioniert ja das Zusammenspiel mit einem Orchester und einer Filmaufnahme so, dass der Dirigent und das Orchester auf Klick spielen – Bild und Ton müssen ja auf die Sekunde genau zusammen sein. Die Herausforderung war, die Filmaufnahmen so in die Komposition einzufügen, dass Dirigent und Orchester flexibler bleiben können und das ganze Stück nicht exakt mit dem Film übereinstimmen muss. Dies haben wir dann auch in der Komposition berücksichtigt und haben versucht, nicht nur an die Musik zu denken, sondern eben auch an den Rahmen und den Raum.

Herr Rederer, war es viel Arbeit das Orchester von diesem Projekt zu überzeugen?

Rederer: Nein, rückblickend nicht. Unsere Musiker sind jüngeren Datums, darunter viele Musiklehrer und Musikstudenten. Auch Musiker aus vergangenen Orchester Camps sind bei uns eingebunden und die jungen Leute sind so flexibel, dass sie so eine Idee sogar mit Spaß und Freude aufnehmen.

Welche Rolle spielt Franz Kuttelwascher? Von ihm stammte die Idee mit dem trompetespielenden Astronauten?

Ludescher: Ja genau. Er begleitet uns schon seit Jahren, ist unser kreativer Kopf und nimmt bei diesem Projekt zusätzlich die Rolle des Filmregisseurs ein. Die Filmarbeiten haben aber noch gar nicht begonnen, das Stück ist erst gestern Nacht fertig geworden. Morgen liegen die Noten auf den Pulten der Musiker. Aber klar ist, dass der Film nicht einfach durchläuft. Das Stück dauert insgesamt 15 Minuten und manchmal ist auch nur das SBV zu hören und steht im Mittelpunkt. »A Planet’s Breath« ist keine Filmmusik.

 

Design: Franz Kuttelwascher

Design: Franz Kuttelwascher

 

Neue Formate – Zwischentöne machen es vor

Projekte wie die »Digital Concerthall« der Berliner Philharmoniker haben sich in der Klassikszene etabliert. Auch das SBV durchbricht mit »A Planet‘s Breath« das Zeit- Raum-Verhältnis. Was bedeuten solche Konzertformate für das Konzertwesen?

Ludescher: Für uns gibt es nur diesen Weg. Es wird sonst einfach sehr schwierig die jungen Leute ins Konzert zu ziehen und man muss mit der Zeit gehen. Die Montforter Zwischentöne machen es ja auch vor, indem sie neue Formate und Ideen entwickeln. Und dieses Projekt ist ebenfalls ein Schritt in diese Richtung. Das Stück soll sogar aufgenommen werden, damit man es später auf Youtube hochladen und jederzeit ansehen kann. Wir hatten sogar überlegt, es live zu übertragen, aber dafür braucht man doch ein viel größeres Budget.

Wie wahrscheinlich ist das Szenario: Wir befinden uns im Jahr 2027, das SBV musiziert in Bregenz, die Solisten werden live aus Stockholm zugeschaltet, die Zuschauer verfolgen das Konzert an ihren Laptops mit?

Rederer: Das ist durchaus denkbar und auch machbar, eine Möglichkeit mehr Menschen für die Musik zu begeistern. Die Zukunft wird sicherlich dorthin gehen. Bestimmt wird es auch einige geben, die davon nicht so begeistert sind. Aber wenn man zurückblickt, die früheren Komponisten haben da ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie haben etwas geschrieben und es ist gar nicht angekommen, Jahre später waren die Werke Welterfolge. Beispiele gibt es viele und ich denke, dass es uns manchmal genauso gehen wird. Mut ist die Devise.

Ludescher: Man kann ja nichts verlieren. Außerdem spielen wir weiterhin große Klassiker von Leonard Bernstein oder Aaron Copland, Komponisten, die vielen Menschen vertrauter sind. Mit der Weltklasse Klarinettistin Shirley Brill präsentieren wir am 7. Oktober auch ein ganz klassisches Programm mit Solistin. Das haben wir immer gemacht und daher wollten wir das auch beim Jubiläum so machen. Aber wie ich am Anfang gesagt habe, wir schauen nicht nur nach hinten, sondern auch nach vorne.

 

Mehr Informationen und Karten zur Veranstaltung finden Sie hier.

Foto: Mathias Johansen

Foto: Mathias Johansen